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«Ein Anschlag in Orlando», ruft mir ein Freund quer durchs Zimmer entgegen. Nicht schon wieder, denke ich. Und bin bereits gedanklich wieder mit anderen Dingen beschäftigt. Solche Meldungen lassen sich für kurze Zeit ja immer gut verdrängen – im Wissen darum, dass die Meldung die nächsten Tage sämtliche Kanäle dominieren wird. An Terror gewöhnt man sich. Darum muss er wohl immer abartiger werden.

Ich habe mit Paris und mit Brüssel geweint. Mit beiden Städten verbinde ich Menschen, Erinnerungen und Gefühle. Schnell wird aber klar, dass dieser Anschlag in Orlando mich mehr auffressen wird, als mir lieb ist. Ich kannte die Menschen in Brüssel und Paris nicht, schätze und liebe aber ihre Art zu leben, mit allen Facetten der Diversität und Lebensfreude. Werte, die ich teile. Und nun wurden wieder Menschen ermordet. In einem Club, der als Ort für Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transmenschen gilt, ein safe space, wo sich Menschen aus dem Kontext, eine Minderheit zu sein, entziehen und unter ihresgleichen feiern können. Ich weiss, wie LGBT in der Welt feiern und was solche Orte für uns bedeuten. Und obwohl ich keines der Opfer persönlich kannte, stirbt mit dieser Nachricht ein Teil von mir mit. Augenblicklich – ohne zu zögern – wird mir klar: das war nicht nur ein Anschlag auf unsere gemeinsamen Werte, das war auch ein Anschlag auf LGBT.

Die Medien

Und die Öffentlichkeit? Obwohl der Anschlagsort sofort bekannt war, lauteten die Schlagzeilen oberflächig:

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Das erste Mal stolpere ich über die Formulierung «Nachtclub» und frage mich, warum die Medien das Kind nicht beim Namen nennen. Es war kein gewöhnlicher Nachtclub, es war ein LGBT-Nachtclub. Noch dazu einer, der häufig von lateinamerikanischen LGBT gerne besucht wurde. In Reaktion darauf veröffentlichen wir von PINK CROSS eine erste Mitteilung, in der wir unsere Bestürzung äussern, aber auch darauf hinweisen, dem möglichen homo- und transphoben Hintergrund der Tat genügend Beachtung zu schenken.

PINK CROSS bittet die Medien, in ihren Berichterstattungen den möglichen Aspekt des homo-, lesbo- und/oder transphoben Hintergrunds dieses Hassverbrechens zu berücksichtigen.

Als Reaktion darauf – und weil der Umstand von Minute zu Minute klarer wird, ändern die meisten Zeitungen und Online-Portale ihr Wording von Nachtclub zu Schwulenclub. Und blenden dabei die vielen anderen Opfer gänzlich aus: Lesben, Transmenschen, deren Freundinnen und Freunde.

Ich weise SRF via Twitter auf die sprachliche Ungenauigkeit hin (und vergesse Transmenschen in der Eile im Tweet selber…):

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Bitteschön. Dankeschön.

Praktisch von Minute eins an agiere, reagiere und interveniere ich für die Sichtbarkeit von LGBT in der Schweizer Berichterstattung, während im angelsächsischem Raum bereits lange von LGBT gesprochen wird. Und es beschleicht mich das ungute Gefühl, dass wird hier wohl wieder für uns selber einstehen müssen.

Und jetzt? Drei Tage nach dem Anschlag verschwindet das Thema bereits wieder aus dem Medienalltag. Der Tagesschau war Orlando gestern nicht mal mehr eine Hauptschlagzeile wert. Es war der grösste Anschlag seit dem 11. September und die grösser Vernichtung von LGBT-Menschen seit dem Holocaust und die Medienwelt findet randalierende Fussball-Hooligans spannender. Bin ich der einzige, der das schrecklich findet?

Ich schätze Schweizer Journalisten_innen als clevere, offene und moderne Menschen. In den letzten drei Tagen habe ich unzählige Gespräche geführt. Immer wieder habe ich die in der Schweiz vorherrschende Homo- und Transphobie erwähnt, in jedem Gespräch den schlechten 24. Platz in Sachen LGBT-Rechte erklärt und über Gewalt und Diskrimierung gesprochen. Die Betroffenheit am Telefon war jeweils spürbar und gross – aber warum bringen es unsere Journis nur so selten fertig, ihre Erschütterung auch aufs Papier oder ins Online-Portal zu bringen? Wo bleibt der_die mutige (heterosexuelle) Reporter_in, der_die auch in der Schweiz unbequeme Fragen stellt?

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Lieber lassen die Medienhäuser homosexuelle Journis zu Wort kommen, und wenn, dann sind es schwule und lesbische Journalisten_innen, die die mangelnde Solidarität ankreiden. Lieber wird über US-Waffengesetze (auch wichtig!) und ausführlich über Trumps schwachsinnige Äusserungen (weniger wichtig!) geschrieben, als über den Kern der Sache zu sprechen: Hass gegen Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transmenschen. Auch hier in Europa, hier in der Schweiz.

26 Prozent der LGBT-Community in der EU, sind in den vergangenen fünf Jahren angegriffen worden oder waren Gewaltandrohungen ausgesetzt. 73 Prozent der LGBT-Personen in der Schweiz erlebten schon mindestens einmal eine Belästigung oder Beleidigung, 13 Prozent wurden mindestens einmal ohne Verletzungsfolgen körperlich angegriffen.

Doch vielleicht täuscht mich meine subjektive Wahrnehmung, dass das Attentat viel kürzer behandelt wird als andere Anschläge in der Vergangenheit?

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Der Anstieg der Anzahl Meldungen zum Thema am Sonntag und Montag mit dem dramatischen Abstieg am Dienstag und Mittwoch lässt sich im Medienbeobachtungstool klar herauslesen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass man noch mehr hätte sagen und berichten können.

Die Öffentlichkeit

Für einige Medien und Kommentatoren ist der Grund schnell gefunden: die Terrororganisation IS, der Hass von radikalen Muslimen auf die westliche Welt: das Karussell dreht sich. Aber es dreht sich ohne die LGBT-Gemeinschaft. Diese posten unterdessen in Tausenden #LiebeIstLiebe Posts, Bilder und Texte von Solidaritätsbekundungen und Nächstenliebe. Und lässt sich nicht via Medien zum Handlanger der Terroristen machen, die genau darauf hoffen, ein Kultur- und Religionskrieg anzuzetteln. Facebook wird zum Meer von trauernden und solidarische Menschen. Soweit war das zu erwarten. Aber die Posts kommen praktisch ausschliesslich von LGBT-Menschen. Von heterosexuellen Facebook-Freunden_innen lese ist verdächtig wenig. Niemand wird «Je suis gay», Facebook erlaubt es User_innen, Solidarität mit Orlando zu zeigen, nicht aber explizit mit LGBT. Und so zieht sich diese verwirrende Mischung pflichtbewusster Trauerbekundung und halbherziger Solidarität jenseits der LGBT-Community weiter. Gerade viele heterosexuelle Männer bleiben still. Könnte man mit zu viel LGBT-Solidarität vielleicht als zu weich – und am Ende vielleicht sogar als schwul angesehen werden? Johannes Kram hat mit Liebe Heteros, sorry, aber jetzt seid Ihr dran! einen guten Text dazu geschrieben.

Die Politik

Und die Welt so? Bundeskanzlerin Angela Merken meint «Wir werden unser offenes und tolerantes Leben fortsetzen» – was sie damit genau gemeint hat, ist nicht klar, schliesslich verweigert die Deutsche Bundesregierung den LGBT seit Jahren ihre Rechte… Auch die offizielle Schweiz konnte sich bisher zu keinem Statement an die LGBT-Community in der Schweiz durchringen. Es bleibt ruhig. Wie häufig. Ein Schweigen, als würde man sich schämen, dass Ungleichheit, fehlende Rechte, aktive Diskriminierung und Gewalt an LGBT eben doch noch Realität ist. Wären die Opfer einer jüdischen Gemeinschaft angehörig, würde man der jüdischen Gemeinschaft doch ein Beileid aussprechen. Wären die Opfer vom Kegelverein Willisau-Sursee, würde man dem Verein doch ein Beileid aussprechen. Warum also nicht auch der LGBT-Community? Während der amerikanische Obama, der kanadische Trudeau oder der französische Holland sich direkt an die LGBT wenden und von Homophobie sprechen, bleibt es hierzulande – ruhig.

Und so schleicht sich ein kühles Gefühl ein. Ein Gefühl, das für mich als 31-jähriger schwuler Mann neu ist. Ich fühle mich ausgeschlossen und alleine gelassen.

Um Trauer und Solidarität bettelt man nicht. Und doch habe ich das Gefühl, dass wir gerade genau das tun müssen.

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